Segeln im Sturm

D

a ist er nun, mein Blog. Und dies ist mein erster Eintrag. Verrückterweise bin ich nie einem Blog im Netz gefolgt. Was ist das überhaupt – ein Blog? Dennoch hatte ich, als ich vor wenigen Wochen aus meinem Urlaub heraus, direkt in den kollektiven Hausarrest landete, sofort die Idee einen Blog zu beginnen. Wikipedia erklärt mir, was ein Blog ist. Also es ist ein Logbuch. Aha. Und Logbuch ist ein fester Bestandteil des Segelns. Hieß nicht mein erstes Buch „Segeln im Sturm“? Wunderbar, da kenne ich mich aus. In stürmischen Zeiten auf hoher See, da, wo kein Land in Sicht ist, die Landkarten sich als unbrauchbar erweisen und wir nicht wissen, auf was wir zusteuern…Was geschieht da in uns? Und während wir uns dessen bewusstwerden, stellen sich uns Fragen: Wie kann ich geschickt durch diese Krise hindurch navigieren? Trägt meine spirituelle Praxis? Auf was kommt es jetzt an?

Zurzeit entscheide ich vieles spontan. Wie auch sonst, wenn Gewohntes nicht mehr trägt? So habe ich mich sehr kurzfristig für einen Online-Oster-Retreat entschieden und war glücklich, dass ich gleich ein paar Mitstreiter*innen fand. Ich bin immer noch überwältigt von dem, was wir alle – die Teilnehmer*innen und unser Orga-Team – erfahren haben. Ja, es braucht Erinnerung, dass und wie unsere spirituelle Praxis nicht nur trägt, sondern auch Antwort ist auf die Herausforderungen dieser Zeit. Wir brauchen Tiefe, um hinter die oberflächlichen Meinungen, alten Muster, Verunsicherungen, Ängste und Dumpfheit zu gelangen. Wir wissen, in Krisenzeiten zeigen sich nicht nur unsere Widerstandsfähigkeiten (Resilienz), sondern es melden sich auch die traumatischen Muster. Und da wir uns einer globalen Krise befinden, haben wir es auch mit kollektiven Traumata zu tun. So bietet diese Zeit nicht nur Herausforderungen, sondern sie ist auch eine Chance. Welche? Um das beantworten zu können, brauchen wir eine Intelligenz, die nur entstehen wird, wenn wir uns verbinden und unsere Co-Kreative Intelligenz erwachen lassen.

Der Online-Oster-Retreat 2020

Der Retreat war innerhalb kurzer Zeit ausgebucht. Es haben ungefähr 100 Menschen an diesem 4-Tage-Retreat teilgenommen. Ich wollte nicht auf den digitalen Plattformen mitspielen, auf denen zahllose Vorträge, Clips und Ratgeber zu finden sind. Ein durchaus wertvolles und wirksames Medium. Aber ich wollte etwas Anderes. Ich hatte einen realen Retreat-Prozess im Sinn, live, mit klarem Tagesablauf, von Augenblick zu Augenblick. Das eben, was Retreat ist. Eine Hommage an Sati, die bewusste Geistesgegenwart.

Dann saß ich mit meinem Team (Annette, Sabine, Uwe) – klar, auf Abstand – in unserem buddhistischen Stadt-Zentrum Hamburg, meditierte, hielt Vorträge, beantwortete Fragen, die per Email zu mir kamen – vor mir immer mein Computer, der auf ‚Sendung‘ geschaltet war. Ebenso Sabine Madani die täglich eine Stunde Yoga anleitete. Es sind bis auf ein paar Menschen alle bis zum Schluss dabeigeblieben. Von unzähligen Teilnehmer*innen (annähernd fast allen) habe ich ein Feedback darüber bekommen, was sie erlebt haben. Ein Retreat in den eigenen vier Wänden, alleine, teilweise mit Partner*in beziehungsweise Familie oder Wohngemeinschaft. Einige hätten aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht zu einem Retreat kommen können. Wie gesagt, ich bin immer noch erstaunt, was durch die engagierte Praxis möglich wurde. Gemeinsam. Alle haben dazu beigetragen. Vor allem eines haben wir erfahren: Verbundenheit – über alle Grenzen hinweg. Das Herz kennt eben keine Grenze

Die Vorträge und geleiteten Meditationen des Retreats liegen nun vor. Einige als Audio, andere als Video.

Hier zum Einstieg der erste Vortrag – nächste Woche mehr!

Audio-Vortrag „Was uns in Krisenzeiten herausfordert und was uns trägt

10 Kommentare zu „Segeln im Sturm“

  1. Liebe Sylvia, liebe Sangha,
    wie schön, dass wir uns hier in dieser Weise zusammenfinden können! Und liebe Sylvia: von Herzen Dank für deine Initiative und Präsenz die dadurch immer wieder spürbar herüberschwappt. Ich bin sehr glücklich über diese neuen Segelrouten, virtuellen Aufenthaltsorte und Momente, die sich auch ohne Logbuch ansteuern und auffinden lassen. Ich fühle mich belebt, verbunden und mitgetragen…..Anfänglich war das „Segeln im Sturm“ fast mehr ein Segeln in der Flaute oder besser ein Aufenthalt im Auge des Orkans, wo es so still und unbewegt ist…
    Die Vielschichtigkeit und die kontinuierliche Veränderung von allem ist mir derzeit Zeit besonders bewusst. In der äußeren Ruhe, die hier bei mir in den Feldern einer Art 8-Wochen-Sonntags-Atmosphäre gleicht- und gleichzeitig einer wilden Energie, die unsere Gesellschaft, unser Zusammenleben und alle Bereiche unseres Mensch-auf-der-Erde-Seins erfasst zu haben scheint. Anfänglich beobachtete ich eine Art Zweiseitigkeit in unserem neuen Alltag: mehr arbeiten/nicht arbeiten dürfen, viele Ängste haben/ kaum Ängste spüren, finanziell bedroht sein/finanziell abgesichert sein, die Einschränkungen als große Chance/ die Einschränkung als große Bedrohung empfinden…Aber die anfängliche Zweiseitigkeit entpuppte sich schnell als ein weiteres „Wahrnehmungskonzept“, das die eigentliche Diversität überlagerte.
    Eine weitere Beobachtung war, welche Effekte die geistige Nahrung hat, die ich wähle. In diesem Prozess habe ich erlebt, was mich nährt und in Balance bringt und was das Gegenteil tut. Wissensbekundungen, Antworten und Erklärungsversuche konnten mir keinen inneren Frieden geben. Wohingegen Fragen immer wieder neue Räume geöffnet haben, in denen ich ein bisschen Ruhe finden konnte. Die Immer-Wieder-Frage“…Und wer bin ich jetzt ?“ (Danke Sylvia für diese hilfreiche kleine Frage) – eröffnet immer wieder neue Räume, bringt mich in die Wahrnehmung und das Bewusstsein, dass sich die Antwort schnell ändert – in mir und auch in Resonanz mit anderen, wenn ich ihre Erlebnisse teile.
    Meine berufliche Zukunft ist unklar. Ich weiß nicht, ob ich meine freiberufliche Arbeit nach der Krise werde weiterführen können und wo oder wie ich meinen Lebensunterhalt verdienen werde. Trotzdem erfüllt mich seit Beginn der Krise eine wundersame Zuversicht und Hoffnung, dass durch diesen Umbruch heilsame und gewinnbringende Prozesse enstehen können -nicht nur in mir sondern überall. Es braucht meine Hingabe und Vertrauen dieser „inneren Wahrheit“ zu folgen – ungeachtet dessen was im Außen passieren mag.
    Ja, und es würde mich interessieren, wie es euch anderen damit geht?
    Herzliche Sonnen-Sonntags-Grüße an alle : ) .
    Judith

  2. Susanne Rögner

    Liebe Sylvia,
    So bestärkend und wieder erinnernd,das nun der 1.Vortrag unseres OsterRetreats hier zu hören ist..ich spüre sofort wieder die Verbindung…eben gehört…ich bin sehr dankbar.
    Erwarte freudig die nächsten Audios.
    Herzlichste Grüsse an dich und alle hier!
    Susanne .

  3. Liebe Sylvia,
    gerade eben habe ich mir nochmals deinen Vortrag angehört – und habe vieles wieder frisch und neu gehört, u.a. auch diese Aussage
    nach Foucault, „dass wir immer Teil des herrschenden Systems sind“ . Ich ertappe mich schon immer wieder dabei, zu glauben, ich könne mich irgendwie daneben stellen. Nein, kann ich nicht, das weiß ich jetzt wieder und auch, dass am Rand ein guter Ort sein kann, um sich einen Überblick zu verschaffen. Danke für die Erinnerung! … und irgendwie erscheint mir dein Blog wie ein großer offener Raum, in dem sich vieles mit-teilen lässt. Ich bin neugierig auf den sich entwickelnden Prozess hier … . Von Herzen geschrieben von Ute

  4. Danke Sylvia für diese wunderbare Initiative! Da soll noch jemand sagen, Krisen hätten nicht auch ihr Gutes. Wenn du jetzt „onliner“ gehst mit Blog und Vorträgen, ist das supergut!! So kann ich dir nun auch aus der Ferne lauschen, deine Gedanken hören und sie mit anderen Menschen meiner Umgebung teilen. Ich freu mich schon, den inspirierenden Vortrag nochmals zu hören. Wir können uns schließlich nicht oft genug erinnern… erinnerst du uns immer 🙂
    Alles Liebe Ulli aus dem fernen Waldviertel

  5. Liebe Sylvia, danke für dein „Vorwort“ und diesen Blog. Wunderbar, ich kann mich sofort hier aus meinem „Retreat“zimmer heraus wieder mit diesen österlichen Corona-Tagen verbinden. Wow! Danke. Anne Pagel – Berlin

  6. Wunderbar Sylvia! Es war genial schön, dabeigesessen zu sein und nun noch das Geschenk, alles nochmals hören zu können! Tausend Dank!
    Frage: Bei mir taucht nur ein Standbild von Dir auf. Das wunderschöne Bild aus Kuba. Ist das ein Fehler bei meiner Technik, oder hattet ihr da die Kamera noch nicht an?

  7. Maria Freimann

    Liebe Sylvia,
    vielen Dank für deine heilsamen Worte und dafür, dass du sie nun auch uns, die wir nicht am Osterretreat teilgenommen haben, zugängig machst.
    Neben der Ohnmacht, die oft schwer auszuhalten ist, habe ich große Hoffnung, dass das „leave no one behind“, was derzeit in vielen Fenstern und von den Balkonen hängt, im Alltag, in Wirtschaft und Politik umgesetzt wird. Und gerne möchte ich mich aktiv daran beteiligen. Aber ich spüre eben auch einen leisen Widerstand in mir, erworbene Privilegien aufzugeben.
    Ich bin sehr froh, dass ich im Zentrum die Möglichkeit gefunden habe, getragen von dir und einer guten Sangha zu wachsen.
    In tiefer Verbundenheit,
    Maria

  8. Liebe Sylvia
    Ich danke Dir für diesen Blog, deine Worte und Gedanken, sprechen mir aus dem Herzen.
    Namo Buddhaya
    Achim TARWITT

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.